Der Stein in meinem Fenster …

Sehr zu meinem Erstaunen fand ich am Freitag, nachdem ich um 15.00 Uhr aufgebrochen war, um ein wenig Zeit mit meiner Tochter zu verbringen, gegen 17.00 einen kiloschweren Wackerstein in meinem Bauwagen, den jemand mit großer Wucht durch meine Scheibe geworfen haben muss. Die Scheibe war förmlich explodiert, denn tausende von großen bis winzigen Splittern fanden sich im gesamten Raum. Das Reinigen dauert eine gute Stunde.
Gerne wüsste ich, ob das nun eine wenig subtile Form von „Kritik“ an dem Projekt sein soll, denn wer traut sich schon am hellen Tage Scheiben einzuwerfen. Wenn dem so gewesen wäre, hätte ich gerne eine weitergehende Erläuterung gehabt.
Wahrscheinlicher aber sind wohl randalierende Halbstarke, die ein wenig ihre Zerstörungswut austoben wollten.
So dumm das eine wie das andere ist, so kann es doch zum Nachdenken anregen. Wäre es eine „Kritik“, wäre sie zu wenig spezifisch, als dass eine Antwort darauf möglich wäre. Der andere Fall ist dagegen recht klar einzuordnen. In der Regel werden die Fenster normaler Wohnhäuser nicht einfach eingeworfen. Die Hemmschwelle, die man vielleicht mit Respekt verwechseln könnte, ist einfach zu hoch. Einen schlichten Bauwagen zu beschädigen, kostet viel weniger Überwindung. Es fehlt jede Form von Respekt. Und hier liegt tatsächlich ein Problem, wenn man die Frage nach den Bedürfnissen eines Menschen und ihre nachhaltige Befriedigung in der Mitte unserer Gesellschaft stellt. Denn ein entscheidendes Bedürfnis ist die soziale Anerkennung. Ohne sie ist ein zufriedenes Leben nicht zu erreichen. Annerkennung erzielt man in unserer Kultur über Statusobjekte. In der Regel Haus, Auto und teure Accessoires wie Uhren. Wenn man sich also fragt, was brauche ich in dieser Gesellschaft, um Anerkennung zu bekommen, so sind eben teure Luxusobjekte bei Mobilität oder Wohnraum die gängigen Antworten.
Bildung -um eine Alternative zu nennen- hat in unserer Gesellschaft schon länger kein allzu gutes Ansehen mehr. Nicht umsonst gibt es den Begriff der Intellektuellenfeindlichkeit. Gar nicht zu reden von den halbseidenen Betrügern, die ihre Promotionen für ihr Fortkommen gefälscht haben. Die dürften das ihre zum schlechten Ansehen von Bildungsgütern beigetragen haben. Aber auch soziales Engagement genießt nicht die Wertschätzung, die es verdient.
Die äußerliche Darstellung wirtschaftlicher Potenz ist das gängige Mittel, um Eindruck zu schinden und auf diese Weise eine Art von Anerkennung zu bekommen. In den schlimmsten Auswüchsen kann das zu einer ludenhaften Protzerei führen und manche der neueren Fahrzeuge deuten durch ihre sich nach außen wölbende, drängende Form erkennbar den ihnen eigenen Charakter des Schwellkörpers an.
Dennoch erregt ein Staatssekretär, der sich einen A8 genehmigt, noch immer den Zorn der Öffentlichkeit. Sehr zu meiner Beruhigung.
Wir werden aber die Formen, nach denen wir bereits seit Jahrtausenden in unserer Gesellschaft bemessen werden, nicht ohne Weiteres abstreifen können. Wir wissen alle intuitiv was Repräsentation ist und wie wir sie umsetzen. Und würde uns unsere Wahrnehmung in diesem Punkt nicht einen Strich durch die Rechnung machen, so wäre es wahrscheinlich nicht Mehrheitsfähig. In der Mitte der Gesellschaft dürfte es weiterhin sehr schwer bleiben Anerkennung zu finden, wenn man in einem Bauwagen wohnt. Einzelnen Exoten mag das zugestanden werden, aber es ist keine Lösung für eine Mehrheit.
Wie aber könnte die aussehen? ‚Understatement’, also ein Auftreten, das nicht die wirtschaftliche Potenz nach außen unterstreicht, dezente Farben, Zurückhaltung in den Formen, schlichte und wertige Produkte, für die der Produzent angemessen bezahlt wurde, könnten erste Signale in die richtige Richtung geben. Es wird deutlich, wie sehr hier Design und Architektur gefragt sind. Gleichzeitig müssen wir Bildung und Soziales wieder zu einem starken Ansehen verhelfen.

One Response to Der Stein in meinem Fenster …

  1. hallo sven!

    ich habe grade mit amüsiertem interesse das philosophische radio über die bedürfnislosigkeit gehört und bin nun auf deinem blog gelandet.
    ich lebe seit gut 12 jahren in bauwagen oder lkw und mußte einige male schmunzeln, denn viele der gedanken sind mir bekannt und schon gewohnheit und alltag geworden, sodaß mir umgekehrt daß was hier als mögliche entbehrung besprochen wird, dann auffällt, wenn es stattfindet: so zum beispiel das fernsehen, das ich solange nicht benutze…

    ich schreibe wegen deiner blog-geschichte mit der scheibe-eine schöne klassikersituation des wagenlebens. hier meine version:
    die jugendlichen haben sich auf dem nachbargrundstück im brandenburgischen rüdersdorf eine crossbike strecke gebastelt. der bürgermeister hat sie darin unterstützt, wie er auch unseren wiesenzirkusplatz unterstützt. bürgermeister hat freude daran wenn seine bürger eigenständig ihre schaffens- und erholungsräume schaffen…
    Ich sitze in meinem bauwagen schreibe gedichte als ich eine scheibe klirren höre. gehe raus höre das wegrennen erkenne noch schatten. im werkstattwagen ist die scheibe in tausend stücke (kennste ja)
    gehe später zu den kids auf der nachbarwiese, die hauen ab als ich in sicht komme. sitze allein. dunkelheit kommt und viel philosophie über schuld und wut und hilfloses „die-wissen-doch-daß-das-nicht-ihr-bauwagen-ist“ direkt gefolgt vom“natürlich-sonst -hätten-sie-ja-die-scheibe-nicht-eingeschmissen“ und dem profanen „aber warum- und warum ausgerechnet im herbst“…das ganze programm endent im einfachen fazit mit dem schlichten wortlaut
    „och menno!“

    wochen später erwisch ich die kids und frag mal nach, ob sie was wissen. und erklär mit möglichst klaren unwütenden vorwurfsfreien worten die idiotische unnötigkeit dieses steins im fenster gewürzt mit einer prise geradeso aufkeimender wut – mit der bitte das an die steinwerfer weitezugeben.einen tag später kommen 2 jungs und erzählen mir stolz: sie hätten jetzt die namen für mich daß ich die an die polizei weitergeben kann.
    in der sekunde meines zögerns bevor ich antwortete flashte die überschrift für das ganze durch meinen kopf: moral und zwar die persönliche auslegung von moral zu den eigenen bedürfnissen.
    zwischen was will ich und was wär gut gab es bittere kämpfe in meinem kopf und ich griff beherzt zu:
    gut wäre wenn wir hier auf zwei wiesen nebeneinander rummachen könnten, ohne daß jemand die polizei rufen muß und ohne das eine scheibe mit absicht zu bruch geht.
    daß ich mir wünsche kein gesetz zu brauchen, da wo mit gesundem menschenverstand die handlung entschieden werden kann. dachte ich. sagte aber: wenn die jungs be scheibe einwerfen, sind sind die einfach vollidioten, was aber nichts dran ändert, daß du, wenn du mir die namen gibst ne petze bist. außerdem wäre mir ausschließlich damit geholfen, daß das fenster wieder heil ist, und dafür ist die polizei nicht zuständig, sondern ein glaser, der wird dafür bezahlt und das am besten, von dem der den schaden verursacht hat.
    ups dachte ich-moralpredigt. dann dachte ich: aber gut, hab ich vielleicht einen stein in einen kopf gesetzt und bei viel glück bleibt ein wort oder ein wortzusammenhang hängen.
    und ein viel längerer denkzusammenhang über moral und besitz und verantwortung und umgang mit dem eigenen denken anhand des fensters oder das bestohlenwerdens.

    ich glaube moral muß dringend durch gesunden menschenverstand ersetzt werden.

    hier ist keine scheibe mehr zu bruch gegangen seitdem, aber ich glaube das lag eher daran, daß die jungen mädchen intessanter wurden, als alte bauwägen…

    ich wünsch dir einen guten winter, wir machen es uns in unseren wägen gemütlich und es gibt keine ispirierendere zeit fürs hobbyphilosophieren, als die kalte jahreszeit im bauwagen…

    lg

    etta

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