Eine Eule war da…

…und zwar während ich unterwegs war. Die Posteule um genau zu sein. Zumindest kommt es mir so vor. Einfach, weil sich mein Bauwagen auf dem Campus der Hochschule gelegentlich nach Hagrids Hütte anfühlt. Vor allem aber wegen der lustigen Adresse.
Die lautete nämlich „Hochschule Ostwestfalen-Lippe, Sven Stemmer, -Bauwagen-, Emilienstr.45, 32756 Detmold“. Und das ließ mich sofort an Ligusterweg unter der Treppe denken.
In dem Päckchen, dass mir von einer Freundin zugesandt wurde (an dieser Stelle einen herzlichen Dank und Gruß nach Hannover), befand sich ein Buch. ‚Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann‘ ist die Geschichte einer Aussteigerin. Von ihrem Mann getrennt, die Kinder aus dem Haus, erfüllt sie sich den Traum einer wirklich einfachen Hütte. Dort lebt sie in einem einzigen Raum in Schwaben. „Wenn Zeit Geld ist, dann bin ich reich“ schreibt sie, denn für ihren Lebensunterhalt muss sie nur einen einzigen Tag in der Woche arbeiten. Im Schnitt, denn ihre Arbeitszeit bündelt sie in einem Vierteljahr und nutzt den Rest, um viel auf Reisen zu gehen. Zum Beispiel mit dem Rad nach Genua und dann mit der Fähre nach Nordafrika. Sie bestellt aber auch ihren Garten oder stellt sich aus Rohwolle selber Kleidung her. Davon handelt zumindest der erste Teil ‚Zeit und Geld‘. Er ist in einer berührend persönlichen und anschaulichen Sprache verfasst. Er enthält auch einige Anregungen und macht Lust auf mehr. Der Teil ‚Reisen und Hausen‘ enthält Reiseberichte aus Nordafrika, die in einer eigentümlichen Textform zwischen Lyrik und Prosa gehalten sind. Wenn ich auch viele interessante Formulierungen hier gefunden habe, trifft dieser Abschnitt aber deutlich weniger meinen Geschmack. Trotzdem er ist innovativ und deshalb auch anregend.
Das Buch war eine schöne Überraschung.
Und natürlich stellen sich in Bezug auf das Diogenes-Projekt einige Fragen. Auch diese Frau besitzt sehr wenig. Aber ihre Lebensform ist eindeutig die einer Aussteigerin. Ein solches Leben kann sie sich nur leisten, weil sie alleine ist. Hier ist der Verzicht bis zum ‚Luxus‚ getrieben, der z.B. für eine Familie mit Kindern im schulpflichtigen Alter unerreichbar ist. Auch möchte sicher nicht jeder alleine leben.
Ganz zu schweigen davon, dass wir in unserer Zivilisation mit hochentwickelten Gesundheits-, Bildungs- und Verkehrssystemen vermutlich gesamtgesellschaftlich wirkliche Notwendigkeiten aufgebaut haben, die ein Leben für alle in einem solchen Zustand nicht zulassen. Und schließlich gibt es wahrscheinlich nur wenige Menschen, die so leben wollen.
In sofern erfinde ich das Rad mit dem Diogenes-Projekt nicht neu. Es geht mir nicht um das Aussteigen. Es geht mir darum wie der Verzicht zu einem Gewinn für breite Teile der Bevölkerung werden kann. Der Verzicht, der unweigerlich kommen muss, wenn wir uns der Herausforderung einer nachhaltigen Lebensweise ernsthaft stellen wollen.
Eine Anregung nehme ich gerne aus dem Buch auf. Das ist das Selbermachen. Dazu werde ich an anderer Stelle etwas schreiben.

One Response to Eine Eule war da…

  1. Helmut Schmeißner

    Hallo Herr Stemmer,
    Ihre interessanten Geschichten und vor allem Ihre philosophischen Gedanken gefallen mir sehr und sind wunderbar zu lesen. insbesondere der Gang durch den Regenguss und die „Posteule“.
    Eindrücke vom Verzicht habe ich bei meinen mehrmaligen Heilfastenwochen erleben dürfen. Sie sind fast unvergesslich und haben mich auf wohltuende Art mit geprägt.
    Ich bin gespannt auf weitere Geschichten und Erfahrungen von Ihnen

    Herzliche Grüße aus Blomberg
    Helmut Schmeißner

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